Die Leiden des Christseins: Weihnachten im Schatten von Bedrohung und Unterdrückung von Konvertiten im Iran

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Moya Yarrahi

Seine Liebe hält mich fest...!

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An der Schwelle zu Weihnachten, zu einer Zeit, in der sich Christinnen und Christen auf der ganzen Welt auf die Feier der Geburt Jesu Christi vorbereiten, ist dieser Anlass für viele christliche Konvertiten im Iran nicht eine Zeit der Ruhe, sondern eine Phase voller Risiken und Sorgen. „IranWire“ hat im Rahmen der Kampagne „#Wir_sind_ein_Körper“ ein Gespräch mit Mansour Borji, dem Gründer und Leiter der Organisation Artikel 18, geführt und dabei Muster der Repression, sicherheitspolitische Narrative sowie Wege zur Verringerung der Verwundbarkeit christlicher Konvertiten – insbesondere in den kommenden Tagen – untersucht.

Weihnachten und sicherheitspolitische Stigmatisierung: Die Entmenschlichung christlicher Konvertiten

Laut Mansour Borji ist Stigmatisierung eine der alten und tief verwurzelten Taktiken der iranischen Regierung zur Unterdrückung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen. Seit den ersten Jahren nach der Revolution wurden Etiketten wie „amerikanischer Liberaler“, „Heuchler“, „Abweichler“ oder „Unwissender“ benutzt, um Einzelpersonen und Gruppen vom Rest der Gesellschaft zu isolieren.

Er erklärt, dass diese Taktik insbesondere bei Gruppen, die als „Gegner“ oder „nicht zugehörig“ gelten, verstärkt angewendet wird. Das Hauptziel solcher Narrative ist die Entmenschlichung – ein Prozess, der Repression, rechtliche Diskriminierung und soziale Ausgrenzung der Zielgruppen rechtfertigt. Bezeichnungen wie „zionistische Christen“ oder „vom Ausland gesteuert“ verwandeln christliche Konvertiten von Bürgern mit gleichen Rechten in eine angebliche Sicherheitsbedrohung.

Borji erinnert daran, dass dieses Muster historische Wurzeln hat. Selbst in religiösen Überlieferungen wurde Jesus Christus nicht wegen theologischer Differenzen, sondern aufgrund einer politischen und sicherheitlichen Anklage gekreuzigt. Die damaligen religiösen Autoritäten beschuldigten ihn, die Menschen dazu aufzurufen, dem Kaiser (Cäsar) keine Steuern zu zahlen. Solche Etikettierungen, so Borji, verschaffen dem Staat sowohl die Legitimation für hartes Vorgehen als auch die Möglichkeit, ein Klima der Angst und Isolation für die betroffene Person, ihre Familie und ihr Umfeld zu schaffen.

Weihnachten und das wiederkehrende Muster von Razzien gegen christliche Versammlungen

Mansour Borji betont, dass Weihnachten und andere christliche Feiertage jedes Jahr von einem wiederkehrenden Muster sicherheitspolitischen Drucks begleitet werden. Der Staat nutzt diese Zeiten gezielt, um Angst und Schrecken zu verbreiten – insbesondere dann, wenn Christinnen und Christen sich zu Feiern und Hausversammlungen treffen.

Der Leiter von Artikel 18 erklärt, dass die spirituelle Bedeutung dieser Anlässe dazu führt, dass manche Konvertiten ungewollt auf einen Teil der Sicherheitsvorkehrungen verzichten, was sie zu leichteren Zielen für die Sicherheitsbehörden macht. In den vergangenen Jahren seien Verhaftungen und harte Urteile in dieser Zeit zur Routine geworden.

Nach Borjis Einschätzung verschärft sich der Druck besonders in Phasen erhöhter regionaler oder politischer Spannungen. Verhaftungswellen, offizielle Propaganda und neue Urteile der Revolutionsgerichte zeigen den Versuch der Regierung, eine Form gesellschaftlicher Abschreckung zu erzeugen. Deshalb sei das Risiko von Hausversammlungen zur Weihnachtszeit besonders hoch.

Im jüngsten Fall teilte die Organisation Artikel 18 mit, dass fünf christliche Bürger – Aida Najaflou, Joseph Shahbazian, Nasser Nourdgel-Tappeh, Lida Alaksani – sowie ein weiterer christlicher Konvertit, dessen Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt wird, insgesamt zu fast fünfzig Jahren Haft verurteilt wurden.

Weihnachten, Selbstschutz und die Verringerung der Verwundbarkeit christlicher Konvertiten

Auf die Frage nach praktischen Lösungsansätzen erklärt Borji, dass diese auf zwei Ebenen ansetzen müssen. Auf der ersten Ebene betont er die Notwendigkeit von Selbstschutz und besserer Vorbereitung der christlichen Konvertiten innerhalb des Iran. Bewusste Planung, rechtliche Vorbereitung und die Beachtung sicherheitsrelevanter Aspekte bei der Bekanntgabe von Zeit und Ort von Treffen gehören zu seinen Empfehlungen.

Er unterstreicht, dass trotz all dieser Maßnahmen das Risiko einer Verhaftung weiterhin besteht. Deshalb seien gegenseitige Unterstützung innerhalb der christlichen Gemeinschaft, Vorbereitung auf mögliche Konsequenzen und die Stärkung grundlegender Schulungen in digitaler Sicherheit und Medienkompetenz von großer Bedeutung. Eine Gesellschaft, die ständig unter Bedrohung steht, müsse zwangsläufig ihre Fähigkeiten zur Bewältigung dieser Situation ausbauen.

Den Opfern ihre Identität zurückgeben: Dokumentation, Erzählen und gesellschaftliche Solidarität

Auf einer breiteren Ebene weist Borji auf die Rolle unabhängiger Medien hin, insbesondere der in der Diaspora aktiven Medien. Nach seinen Worten versucht die Regierung, die Festgenommenen durch Entmenschlichung mit Begriffen wie „ideologische Banden“ darzustellen. Gegen diese Narrative sei die Dokumentation der Situation von Christinnen und Christen sowie anderer Opfer von Verletzungen der Religionsfreiheit unerlässlich.

Er sagt, die Antwort der Zivilgesellschaft müsse in die entgegengesetzte Richtung gehen: den Opfern ihre menschliche Identität zurückzugeben und ihre Geschichten zu erzählen. Borji betont die Notwendigkeit gesellschaftlicher Solidarität zwischen verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Gruppen und erinnert daran, dass das Recht auf Glaubens- und Gewissensfreiheit ein universelles Recht ist, das einer großen Zahl iranischer Bürgerinnen und Bürger genommen wurde.

Seiner Ansicht nach kann Weihnachten eine Gelegenheit sein, an dieses grundlegende Recht zu erinnern – ein Recht, das seit den Anfängen der Islamischen Republik vielen Bürgern verweigert wird und das nur durch gesellschaftliche Solidarität und unabhängige Berichterstattung zurückgewonnen werden kann.

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