Seine Liebe hält mich fest...!
Sieben Tage sind seit dem mutmaßlich verdächtigen Tod von Khosrow Alikordi vergangen – einem Anwalt von Angehörigen der Gerechtigkeitssuchenden, von Protestierenden und politischen Gefangenen in Maschhad. Seine Leiche wurde am Samstag, dem 6. Dezember 2025, an seinem Arbeitsplatz gefunden. Er war vom Stuhl gestürzt, sein Gesicht wies Verletzungen auf. Nach Angaben von IranWire wurde sein Bruder Javad Alikordi am Freitagabend, dem 12. Dezember 2025, festgenommen.
Einen Tag vor der siebentägigen Gedenkfeier veröffentlichte die staatliche Nachrichtenagentur Mehr, die der Organisation für Islamische Propaganda untersteht, ein 54-sekündiges Video aus einer Überwachungskamera von Alikordis Büro. Das Video zeigt ihn von hinten, wie er auf sein Mobiltelefon blickt und kurz darauf ohne erkennbare Anzeichen von Schmerzen oder Unwohlsein vom Stuhl zu Boden fällt. Sein Körper beginnt dabei zu zittern. Bereits zuvor hatten Quellen bestätigt, dass Alikordi beim Aufprall mit dem Boden Verletzungen im Gesicht erlitten hatte.
Freunde und Weggefährten Alikordis sprechen von einem unvollständigen und gezielt veröffentlichten Video, das weder die Zeit vor noch nach dem Vorfall zeigt und die zentralen Fragen zu seinem Tod offenlässt. Nach Aussagen aus seinem Umfeld war Khosrow Alikordi gesund und hatte keine bekannten Vorerkrankungen. Dennoch hätten Sicherheitsbehörden in zahlreichen Telefonaten versucht, gegenüber Familie und Bekannten die Version eines „Herzinfarkts“ oder „plötzlichen Todes“ durchzusetzen – auch mit dem Hinweis, dies ermögliche eine „reibungslosere“ Beerdigung.
Zeitgleich zur siebentägigen Gedenkfeier in Maschhad kam es zu massiven Sicherheitsmaßnahmen, gewaltsamen Übergriffen und zahlreichen Festnahmen. Die Zeremonie sollte ursprünglich in der Ghadir-Babā-Ali-Moschee stattfinden, wurde jedoch durch das Eingreifen der Sicherheitskräfte teilweise auf die Straße verlagert, nachdem vielen Trauergästen der Zutritt verweigert worden war. Augenzeug:innen berichten von Zivilbeamten mit Schlagstöcken, die auf Teilnehmende losgingen.
Videos und Bilder zeigen Sprechchöre gegen das politische System, Parolen gegen Ali Khamenei sowie Solidaritätsbekundungen mit den Opfern der Protestbewegung „Frau, Leben, Freiheit“ und Unterstützung für Reza Pahlavi. Auch bei einer Gedenkveranstaltung am Grab Alikordis am Freitag, dem 5. Dezember 2025, in Sabzevar wurden regimekritische Parolen gerufen.
Nach Informationen von IranWire wurden im Zusammenhang mit der Gedenkfeier rund 40 Personen festgenommen, darunter Narges Mohammadi, Friedensnobelpreisträgerin, Sepideh Gholian, Alieh Motlabzadeh, Hasti Amiri – allesamt bekannte zivilgesellschaftliche Aktivistinnen und ehemalige politische Gefangene – sowie Ali Adinehzadeh, Vater eines Jugendlichen, der während der Proteste in Maschhad getötet wurde. Einige der Festgenommenen wurden später freigelassen, andere befanden sich zum Zeitpunkt der Berichterstattung weiterhin in Haft.
Augenzeug:innen berichten, dass Frauen, darunter ehemalige politische Gefangene, nach gewaltsamen Übergriffen durch Sicherheitskräfte begannen, Parolen zu rufen, woraufhin sie mit extremer Gewalt festgenommen wurden. In veröffentlichten Videos sind Männer mit Schlagstöcken zu sehen, die auf eine Menschenmenge vor dem Moscheetor losgehen. Kurz darauf wurden mehrere der dort sichtbaren Aktivistinnen verhaftet.
In einem späteren Instagram-Livestream erklärte Javad Alikordi, die Angreifer seien „Fremde aus Nachbarländern“ gewesen. Er bestätigte die Festnahme mehrerer Trauergäste und warnte, dass eine fortgesetzte Inhaftierung seiner Gäste nicht unbeantwortet bleiben werde. Bereits in den Tagen zuvor hatte er von Drohungen, Vorladungen und zunehmendem Druck berichtet.
Auch Freunde und Mandanten von Khosrow Alikordi gerieten ins Visier der Sicherheitsbehörden. Über den Verbleib von Kamal Jafari Yazdi, einem politischen Gefangenen und engen Vertrauten Alikordis, der zuvor gegen Kaution freigelassen worden war, lagen weiterhin keine gesicherten Informationen vor.
Die genauen Umstände des Todes von Khosrow Alikordi sind bis heute nicht aufgeklärt, und es gibt kaum Hoffnung auf eine unabhängige Untersuchung durch die iranische Justiz. Die systematische Einschüchterung, Festnahme und Misshandlung seiner Familie, Freund:innen und Trauergäste sendet jedoch eine klare Botschaft: Der Einsatz dieses Anwalts für Rechtsstaatlichkeit, Wahrheit und Menschenrechte wird auch nach seinem Tod als Bedrohung wahrgenommen – und genau deshalb weiter unterdrückt.