Seine Liebe hält mich fest...!
27 Jahre nach den staatlichen Kettenmorden an iranischen Intellektuellen ist der Name einer Person, die von den Tätern dieses Falls als Informationsquelle genannt wurde, erneut in den Fokus gerückt. In sozialen Netzwerken – insbesondere unter Umweltaktivist:innen – wird derzeit intensiv über Ahmad Afghahi diskutiert. In den Geständnissen der Täter der Kettenmorde wird Afghahi, Schriftsteller und Umweltaktivist, als nachrichtendienstliche Quelle mit dem Decknamen „Dariusch“ erwähnt. Den Aussagen zufolge soll sogar sein Fahrzeug bei der Ermordung eines der Schriftsteller eingesetzt worden sein.
Wer ist Ahmad Afghahi? Was macht er heute? Und warum wird sein Name 27 Jahre nach den Kettenmorden erneut öffentlich diskutiert – und erschüttert nun die Umweltbewegung?
Bereits im Jahr 2008 veröffentlichte die Website Melliyoun einen Beitrag mit dem Titel „Auszüge aus den Akten der staatlichen Morde“, in dem die Rolle Ahmad Afghahis unter dem Decknamen „Dariusch“ bei den staatlichen Kettenmorden der 1990er-Jahre offengelegt wurde. Shirin Ebadi, Anwältin der Familie Forouhar, hatte auf Grundlage der Akten damals auch die Mitglieder des iranischen Schriftstellerverbands vor Afghahi gewarnt.
Nun, zeitgleich mit dem 27. Jahrestag der Kettenmorde, ist die Debatte neu entfacht worden – ausgelöst durch den zweiten Teil eines Essays von Barbod Golshiri mit dem Titel „Offenlegung im Angesicht des Todes“. Bereits im ersten Teil hatte Golshiri auf die Aussagen von Mehrdad Alikhani, einem der Täter, verwiesen, der erklärte, Afghahi habe unter dem Decknamen „Dariusch“ als Quelle für das Geheimdienstministerium gearbeitet. Golshiri schrieb, Afghahis Aktivitäten seien so umfassend gewesen, dass sein realer Name vielen aus den Bereichen Literatur, Kultur, Umwelt und Informatik wohlbekannt sei.
Nach Veröffentlichung des zweiten Teils stellen Umweltaktivist:innen nun drängende Fragen: Könnte Afghahis Vergangenheit auch Auswirkungen auf die Umweltbewegung gehabt haben? Gab es möglicherweise ähnliche Erfahrungen oder Eingriffe?
In den vergangenen zehn Jahren kam es – neben dem Tod von Kavous Seyed-Emami in Haft und der Festnahme von acht Expert:innen der Persian Wildlife Heritage Foundation – auch zu Verhaftungen von Umweltaktivist:innen in Bandar Lengeh. Zwar lässt sich kein direkter Zusammenhang zwischen Afghahis Aktivitäten und diesen Fällen belegen, doch bleibt die Frage bestehen, welche Rolle er über Jahre hinweg im Umweltbereich spielte.
IranWire kontaktierte Afghahi für eine Stellungnahme. Er beschränkte sich auf folgende Antwort:
„Ich habe kein Interesse daran, mich auf das wertlose, primitive und verleumderische Spiel der Linken einzulassen. Ich habe einen Text verfasst und ihn Freunden überlassen, die offenbar zufrieden und überzeugt sind.“
Über Afghahis Geburtsjahr und seinen beruflichen Werdegang gibt es nur wenige verlässliche Informationen. Er wird als Autor mehrerer Bücher vorgestellt, darunter „Hotel Moskau“, „Ataghi“, „Die Dschinns des Herrn Tehranchi“ und „Ein Schal am gefrorenen Weidenzweig“.
Faraj Sarkuhi, politischer Aktivist und Mitbegründer der Zeitschrift Adineh, bestätigte in der Sendung „Chashmandaz“ Afghahis Rolle und erklärte, Afghahi lebe heute im Iran und sei als Schriftsteller sowie literarischer Förderer aktiv.
Nach offiziellen Registern war Afghahi im Jahr 2011 eines der ersten Vorstandsmitglieder der Umweltbeobachter-Vereinigung (PAMA). Seine damalige Ehefrau Mitra Alborzimanesh wurde Geschäftsführerin der Organisation; sie soll bereits seit 2009 an deren Registrierung gearbeitet haben. In dieser Zeit wurde Afghahi in Umweltkreisen vor allem über seine Frau wahrgenommen.
Seine Aktivitäten beschränkten sich jedoch nicht auf PAMA. Spuren führen auch zu Unternehmen wie Segal Shargh, Kesht-o-Sanat-e Paeizeh-ye Gohreh-ye Alborz, Arsa Gostar Ariana sowie zur Vereinigung Avaye Sabz-e Darban.
Laut der Nachrichtenagentur der Basidsch erhielt Afghahi zudem Anfang 2024 die erste Genehmigung für agrotouristische Aktivitäten vom Ministerium für Kulturerbe und ist seither in der Region Taleghan tätig.
Barbod Golshiri verweist in seinem Text auf die Aussagen von Mehrdad Alikhani zur Entführung von Mohammad-Jafar Pouyandeh:
„Ein Daewoo-Auto, das einem der Quellen der Abteilung ‚Neue Linke‘ mit dem Decknamen Dariusch [Afghahi] gehörte, wurde uns ab Montag, dem 17. Azar, für die Operation zur Verfügung gestellt.“
Umweltaktivist:innen fragen nun: Ist dieser Ahmad Afghahi derselbe Mann, der sich dem Schriftstellerverband annäherte? Ist er derselbe, der sein Auto für die Entführung Pouyandeh bereitstellte?
Ein Vergleich von Fotos Afghahis neben Autoren wie Houshang Golshiri, Mansour Koushan und Farzaneh Taheri mit späteren Bildern aus Umweltkonferenzen bestätigt seine Identität.
Seine Präsenz im Umweltbereich erfolgte vor allem im Schatten seiner ehemaligen Ehefrau Mitra Alborzimanesh, promovierte Umweltexpertin und bekannte Fachfrau, die an bedeutenden Projekten wie dem Ashuradeh-Masterplan beteiligt war. Zwischen 1999 und 2017 arbeitete sie als Umweltgutachterin für Beratungsfirmen wie Royan und Mahab-Qods.
Inzwischen sind weder Alborzimanesh noch Afghahi im Vorstand von PAMA. Nach Recherchen von IranWire haben sich die beiden vor rund fünf Jahren getrennt.
Eine Umweltaktivistin sagt gegenüber IranWire:
„Seit diese Vorwürfe erneut diskutiert werden, gab es weder von Afghahi noch von der Organisation, in der er tätig war, eine klare Reaktion. Manche sagen, sie seien misstrauisch gewesen – aber warum ließ man dann Sitzungen der Umweltverbände in seinem Büro stattfinden?“
Weitere Aktivist:innen verweisen auf frühere Fälle wie die Festnahme der acht Wildtierexpert:innen im Jahr 2018 und fragen, wer über Afghahis Rolle informiert war – und warum niemand rechtzeitig warnte.
Shirin Ebadi erklärte, sie habe den Schriftstellerverband frühzeitig über Afghahis Rolle informiert. Parastou Forouhar betonte, dass Aufklärung in solch komplexen Fällen sorgfältige Prüfung und ethische Sensibilität erfordere – insbesondere in einem System, das selbst Täter schützt.
Die ersten Umweltinitiativen im Iran entstanden bereits Ende der 1980er-Jahre – lange bevor NGOs offiziell anerkannt wurden. Schon in den 1990er-Jahren standen Umwelt- und Kinderrechtsaktivist:innen unter intensiver Beobachtung der Geheimdienste, da ihre Fähigkeit zur Mobilisierung als Bedrohung wahrgenommen wurde.
Der politische Aktivist Babak Darbiki erklärt:
„Zunächst galt Umweltarbeit als unpolitisch. Doch gerade ihre Organisationskraft machte sie für die Sicherheitsapparate verdächtig.“
Vor diesem Hintergrund erscheint die Annahme nicht abwegig, dass staatliche Stellen gezielt versuchten, Einfluss innerhalb der Umweltbewegung zu gewinnen.
In einem Interview mit Studio Pat beschreibt Barbod Golshiri Afghahi als „nicht-offiziellen Mitarbeiter“ des Geheimdienstes – jemanden ohne formale Mitgliedschaft, dessen wirtschaftliche Vorteile jedoch vom Ministerium abhingen. Er nennt Afghahis Firma und seinen Geschäftspartner Navid Ramazani als Beispiel und berichtet, dass solche Informanten nach Verhören oft gegen Bürgschaft freigelassen wurden.