Ein friedlicher Protest unter Beschuss – was geschah in Azna?

Picture of Moya Yarrahi
Moya Yarrahi

Seine Liebe hält mich fest...!

9

Der Angriff von Demonstrierenden auf die Polizeiwache Nr. 11 in dieser Stadt erfolgte erst nachdem der ursprünglich friedliche Protest der Bevölkerung im Bereich des Platzes der Gouverneursverwaltung gewaltsam eskaliert worden war.

Mindestens ein junger Demonstrant in Azna ist nach direktem Beschuss durch Sicherheitskräfte ins Auge in akuter Gefahr, sein Augenlicht zu verlieren. Während offizielle Stellen von drei Toten und 17 Verletzten sprechen, berichten Augenzeug:innen und lokale Quellen, dass sechs Menschen getötet und Dutzende verletzt worden seien.

Berichten zufolge wurde auch ein 15-jähriger Jugendlicher namens Taha Safari am Freitag, dem 2. Januar 2026 (12. Dey 1404), in Azna durch Schüsse der Sicherheitskräfte getötet.

Was geschah in Azna – und wie wurde ein sozial-ökonomischer Protest in tödliche Gewalt und Repression überführt?

Was wissen wir über die Toten und Verletzten von Azna?

Azna ist eine kleine Stadt im Osten der Provinz Lorestan mit rund 50.000 Einwohnern. Viele junge Menschen sind dort aufgrund von Arbeitslosigkeit und struktureller Benachteiligung gezwungen, in größere Städte oder nach Tehran abzuwandern. Die Bevölkerung besteht überwiegend aus Lor-Bachtijaren.

Nach Angaben von IranWire versammelten sich am Donnerstag, dem 1. Januar 2026 (11. Dey 1404), gegen 16 Uhr, zahlreiche Bürger:innen zu einem friedlichen Protest auf dem Platz der Gouverneursverwaltung. Die Parolen waren klar existenziell geprägt – sie richteten sich gegen Teuerung, Armut und leere Haushaltskassen.

„Der Protest dauerte bis zum Einbruch der Dunkelheit. Leider wurde er durch das Eingreifen von Sicherheitskräften, die aus Nachbarprovinzen gekommen waren, gewaltsam eskaliert. Drei Menschen wurden getötet, 17 verletzt – das sind die Zahlen staatlicher Medien. In der Bevölkerung heißt es jedoch, dass sechs Menschen getötet wurden. Bislang sind vier Namen bestätigt, ein weiterer kursiert, ist aber noch nicht offiziell bestätigt.“

Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen und bestätigt durch IranWire wurden am Donnerstag Shayan Asadollahi (28) sowie zwei junge Männer unter 20 Jahren – Mostafa Goudarzi und Vahab Ghaedidurch Schüsse staatlicher Einsatzkräfte getötet.

Als vierte identifizierte Person gilt Ahmadreza Amani (28), Rechtsreferendar und Mitglied der Anwaltskammer von Yazd, der ursprünglich aus Azna stammte und sich zum Zeitpunkt der Proteste zu einem Familienbesuch in der Stadt aufhielt.

Der Jurist Sina Yousefi, selbst ehemaliger politischer Gefangener der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“, bestätigte, dass Amani sich im zweiten Ausbildungsabschnitt seiner juristischen Laufbahn befand.

Ein Einwohner von Azna sagte gegenüber IranWire:

„Drei der Getöteten stammten aus der Arbeiterklasse. Shayan war Friseur, die beiden anderen arbeitslose Jugendliche. In Azna gibt es fast nur einfache Dienstleistungsjobs – wer Arbeit will, muss wegziehen.“

Unter den Verletzten befinden sich laut IranWire mindestens zwei Schwerverletzte:

Bei einem drangen Schrotkugeln in die Lunge, ein anderer wurde ins Auge geschossen und droht zu erblinden. Das gezielte Schießen auf Augen ist bereits aus früheren Protesten bekannt. Während der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ im Jahr 2022 wurden Hunderte Demonstrierende gezielt im Gesicht verletzt. IranWire dokumentierte diese Praxis in der Recherche-Reihe „Ihre Augen“ als gezielte Verstümmelung.

Der 1. Januar 2026: Wie eskalierte der Protest?

Nach übereinstimmenden Berichten blieb der Protest in Azna über Stunden friedlich, bis Sicherheitskräfte begannen, Tränengas einzusetzen und scharfe Munition abzufeuern:

„Anfangs war alles ruhig. Die Parolen waren rein wirtschaftlich. Dann hörte man plötzlich Schüsse mit scharfer Munition. Die Menschen flohen, Tränengas wurde eingesetzt, um die Menge zu zerstreuen. Es kam zu mehreren Angriffen – und dabei zu Toten und Verletzten.“

Ein Augenzeuge berichtet:

„Nachdem junge Menschen erschossen wurden, explodierte die Wut. Die Leute drängten die Sicherheitskräfte zurück bis zur Polizeiwache – und setzten sie in Brand.“

In Videos der Nacht sind die Polizeiwache Nr. 11 sowie zwei Polizeifahrzeuge in Flammen zu sehen. Rufe wie „Tod dem Khamenei“ und Schussgeräusche sind hörbar.

Staatliche Medien, darunter die Nachrichtenagentur Fars (nah an den Revolutionsgarden), behaupteten, „Randalierer“ hätten die Polizeistation angegriffen und dabei seien drei Menschen getötet worden.

Lokale Quellen widersprechen: Die Todesopfer seien bereits zuvor auf dem Platz der Gouverneursverwaltung erschossen worden, der Angriff auf die Polizeiwache sei eine Reaktion auf die tödliche Gewalt gewesen.

Ausnahmezustand in Azna

Einen Tag nach den Protesten ist Azna weiterhin stark militarisiert. Augenzeugen berichten von ungewöhnlich vielen Wasserwerfern, gepanzerten Fahrzeugen und schwer bewaffneten Kräften:

„Für eine Stadt mit 50.000 Einwohnern ist das Ausmaß absurd. In einem einzigen Kreisverkehr stehen sechs Einsatzfahrzeuge, Wasserwerfer und bewaffnete Einheiten. Die Menschen haben Angst.“

Ein weiterer Anwohner schildert:

„Die Stadt ist wie gelähmt. Man hört, dass es noch weitere Tote geben soll, aber niemand traut sich, Namen zu nennen. Familien haben Angst, Verletzte ins Krankenhaus zu bringen.“

Am Freitag, dem 2. Januar 2026, waren auf allen drei Hauptplätzen – Asgarabad-Kreisel, Bahnhofsplatz und Platz der GouverneursverwaltungSicherheitskräfte mit scharfer Munition präsent.

An den Zufahrtsstraßen nach Azna, unter anderem aus Aligudarz und Dorud, wurden Kontrollposten errichtet, Fahrzeuge durchsucht und Ausweise kontrolliert – ein Vorgehen, das viele davon abhält, medizinische Hilfe für Verletzte in Anspruch zu nehmen.

Facebook
Twitter
WhatsApp
Telegram
Email
Print

Schreibe einen Kommentar