Erstickende Stille nach der Repression – Schatten von Kugeln und Feuer über Irans Städten

Picture of Moya Yarrahi
Moya Yarrahi

Seine Liebe hält mich fest...!

18

Eine Woche nach der landesweiten Internetsperre und der massiven Niederschlagung der Proteste auf Irans Straßen erreichen IranWire täglich zahlreiche Bilder von Demonstrierenden, die an den Tagen Donnerstag und Freitag, dem 8. und 9. Januar 2026 (18. und 19. Dey 1404), von Sicherheitskräften der Islamischen Republik getötet wurden. Gleichzeitig wird im medialen Schweigen die juristische Verfolgung von tausenden Festgenommenen vorangetrieben, während der Bedrohungston staatlicher Stellen die Bevölkerung stärker denn je ins Visier nimmt.

Trotz der vollständigen Unterbrechung der Kommunikationswege versuchen einige Bürgerinnen und Bürger, unter anderem über Starlink-Internet, ein Bild der Lage in ihren Städten an Medien weiterzugeben. Dieser Bericht basiert auf Gesprächen mit mehreren informierten Quellen in verschiedenen Städten Irans und zeigt, dass die Regierung durch die Militarisierung des öffentlichen Raums jede Form von Protest faktisch unmöglich machen will.

„Unausgesprochener Ausnahmezustand“

Bewaffnete Basij-Milizen und Zivilkräfte stehen an jeder Straßenecke. Die Stadt ist voller Kontrollpunkte, und die Geschäfte schließen meist spätestens ab 17 Uhr.

So beschreibt eine informierte Quelle aus Abadan die aktuelle Lage. Nach ihren Angaben gleicht die Stadt zwischen 19 Uhr und etwa 8 Uhr morgens einem nicht offiziell erklärten Ausnahmezustand:

„Abadan lebt normalerweise erst am frühen Abend auf. Doch jetzt liegt eine bleierne Stille über der Stadt. Auch die Krankenhäuser stehen unter Sicherheitskontrolle. Neben Tötungen und Repression herrscht eine derartige Atmosphäre der Angst, dass keinerlei Protest mehr möglich ist.“

Ähnliche Berichte kommen aus Ahvaz und Dezful, zwei Städten, die bei den Protesten am 8. und 9. Januar besonders aktiv waren.

Eine Quelle aus Ahvaz berichtet:

„Die Krankenhäuser Imam und Fatemeh Zahra sind voller Verletzter. Hunderte Menschen wurden festgenommen. Mehr als 50 Personen wurden getötet – doch ihre Identität kann nicht festgestellt werden, weil Sicherheits- und Militäreinheiten die Krankenhäuser überwachen.“

Nach ihren Angaben haben Sicherheitskräfte durch Straßensperren und Betonblöcke in Vierteln wie Golestan, an den Eingängen von Kuy-e Saeed sowie auf allen Zufahrten zur Lashkar-Straße versucht, die Kontrolle über jene Gebiete zu behalten, die als Zentren der Proteste galten.

Dezful und andere Städte

Ein Bürger aus Dezful, der kürzlich Iran verlassen hat, berichtet von einer quasi-militärischen Lage in der Stadt sowie von Massenfestnahmen junger Menschen und Minderjähriger. Nach seinen Angaben patrouillieren Sicherheits- und Militäreinheiten nachts mit Fahrzeugen, die mit scharfen Waffen ausgerüstet sind, rund um zentrale Plätze und Hauptstraßen.

Teheran: Tagsüber Stille, nachts Parolen

Es ist furchtbar. In jeder Straße stehen Trauerzelte. Die Zahl der Toten ist hoch. Danach sind sie auf die Menschen losgegangen – massenhaft Festnahmen. Sicherheitskräfte stürmen Wohnungen wie in den 1980er-Jahren, als sie Videorekorder beschlagnahmten. Jetzt sammeln sie Satellitenschüsseln ein.

So beschreibt ein Einwohner von Teheran die Situation. Nach seinen Angaben sind sämtliche Kommunikationsformen, mit denen Menschen sich gegenseitig Textnachrichten senden könnten, blockiert:

„Nur Telefonanrufe funktionieren – und auch das nur zu bestimmten Zeiten. Gegen 16 oder 17 Uhr werden selbst die Gespräche unterbrochen. Nachrichten lassen sich nicht senden. Selbst auf inländischen Plattformen wie Divar kann niemand schreiben. Nur Bank-SMS kommen noch an.“

Nach den gewaltsamen Einsätzen vom 8. und 9. Januar gibt es in Teheran keine Straßenproteste mehr in der bisherigen Form:

„In den Basaren sind die meisten Geschäfte geschlossen. Aber nachts hört man weiterhin regimekritische Parolen.“

In sozialen Netzwerken berichten Nutzerinnen und Nutzer von der Präsenz schwer bewaffneter Einheiten, darunter auch Maschinengewehre, auf den Straßen Teherans – offenbar mit dem Ziel, Angst und Einschüchterung zu verbreiten. Ähnliche Beobachtungen wurden auch aus Khuzestan gemeldet.

Nächtliche Parolen, Durchsuchungen von Gebäuden

Es reicht, wenn Sicherheitskräfte auf der Straße jemanden verdächtig finden. Sofort wird das Handy kontrolliert – egal ob Fußgänger oder Autofahrer. Finden sie Fotos oder Videos, wird man direkt festgenommen.

Das berichtet ein Einwohner einer Stadt in der Provinz Mazandaran. Er erklärt:

„Früher riefen die Menschen im Schutz der Dunkelheit von Fenstern oder Dächern Parolen. Heute reicht ein einziger Ruf – dann stürmen sie das Gebäude und nehmen Leute fest. Die Lage ist so militarisiert, dass selbst das nicht mehr möglich ist.“

Nach seinen Angaben handelt es sich um eine kleinere Stadt, die zuvor kaum an sozialen Bewegungen beteiligt war:

„Dieses Mal wurde es laut – und die Repression war extrem. Bis ein oder zwei Tage vor meiner Abreise war die Stadt ab 17 Uhr praktisch komplett geschlossen. Das Zentrum war wie ausgestorben.“

Totale Kontrolle des Alltags

Mehrere Bürger berichten von einer vollständigen Kontrolle der Kommunikation – von Geschäften über medizinische Einrichtungen bis hin zu Bildungseinrichtungen.

Ein Student aus Shiraz sagt:

„Seit dem 12. Januar 2026 (22. Dey 1404) wird jede Bewegung auf den Straßen streng überwacht. Selbst wenn man nur zum Einkaufen in einen Laden geht und mehr als zwei oder drei Kunden zusammenkommen, tauchen sofort bewaffnete Sicherheitskräfte auf.“

Er fügt hinzu:

„Trotz dieser massiven Präsenz versuchen die Behörden, Normalität vorzutäuschen. Den Händlern im Stadtzentrum wurde mitgeteilt, dass sie bestraft werden, wenn sie tagsüber ihre Läden nicht wie üblich öffnen. Alles geschieht unter Zwang.
Facebook
Twitter
WhatsApp
Telegram
Email
Print

Schreibe einen Kommentar