Seine Liebe hält mich fest...!
IranWire hat erschütternde Informationen über die massenhafte Anhäufung lebloser Körper getöteter Demonstrierender auf dem Gelände der sogenannten „Waschhallen der Aroujian“ (Saalanlagen zur rituellen Totenwaschung) auf dem Friedhof Behesht-e Zahra erhalten.
Ein Augenzeuge namens Kiarash, der kürzlich aus dem Iran fliehen konnte, berichtete IranWire, dass er am Samstag, dem 20. Dey, gegen 13 Uhr, in zwei Hallen nahe der Leichenwaschung Leichen gesehen habe, die zwei bis drei Schichten übereinander aufgestapelt waren. Gleichzeitig seien Lastwagen voller in schwarze Leichensäcke gehüllter Körper vorgefahren und hätten ihre Ladung auf die bereits vorhandenen Leichenberge gekippt.
Kiarash, der sowohl in Amol als auch im Gebiet Meydan-e Kaj in Sa’adat-Abad (Nordwest-Teheran) an den Protesten teilgenommen hatte, berichtete von der enormen Zahl der Demonstrierenden in den Nächten des 18. und 20. Dey sowie davon, dass sich Sicherheitskräfte in Chadors tarnten und tödlich auf Demonstrierende schossen:
„Plötzlich kam jemand in einem Tschador an uns vorbei – ich weiß nicht, ob es eine Frau oder ein Mann war. Mitten aus der Menge hörte ich dieses Geräusch: tab-tab, tab-tab, tab-tab. Drei Menschen fielen direkt vor unseren Augen zu Boden: links von mir eine Frau, vor mir ein weiteres Mädchen und etwas weiter vorne ein Junge. Ich schrie nur: ›Haltet ihn auf, er bringt uns um!‹ In dem Moment rannte er blitzschnell davon. Wir kümmerten uns um die Verletzten, überall floss Blut. Einer war am Bein getroffen, einer am Hals.“
Laut Kiarash habe er bei den Menschen vor allem Mut gesehen. Während des Interviews brach er immer wieder in Tränen aus, rang nach Luft und musste mehrfach pausieren. Dennoch betonte er, dass sein Schmerz beim Erzählen nichts sei im Vergleich zu dem Ausmaß der Verbrechen, deren Zeuge er geworden sei.
Kiarash stammt aus Teheran und lebt seit etwa acht Jahren in Deutschland. Ende Dezember reiste er nach zwei Jahren erstmals wieder in den Iran, um seine Familie zu besuchen. Die Proteste begannen kurz darauf. Zuerst geriet der Markt in Unruhe, dann breiteten sich Demonstrationen in vielen Städten aus.
Am Donnerstag, dem 18. Dey, reiste er zeitgleich mit dem ersten Aufruf von Reza Pahlavi nach Amol, um seine mütterliche Familie zu besuchen. Dort sah er auf der Haraz-Straße eine Menschenmenge, die familienweise, mit Alten, Jungen und Kindern, auf der Straße war und Parolen gegen die Islamische Republik sowie zur Unterstützung Pahlavis rief:
„Ich konnte nicht glauben, wie viele Menschen ich in Amol auf der Haraz-Straße sah. Wir gingen zu Fuß. Dort kennt jeder jeden. Es war etwa 20 Uhr. Zuerst dachte ich, es sei nur Gedränge. Die örtliche Polizei war da, alle kannten sich. Es wurden sogar Parolen auf Masanderani gerufen, etwa:
›Beča pela re khorim, ama shah-e khodemun ra mikhahim‹ –
›Wir essen unseren eigenen kalten Reis, aber wir wollen unseren eigenen Schah.‹“
Einige Stunden später hörte er aus dem Haus seiner Verwandten Maschinengewehrfeuer, obwohl der Ort etwa 30 Gehminuten vom Versammlungsort entfernt war.
Am nächsten Tag begleitete er Angehörige zur Blutspende im Krankenhaus 17-e Shahrivar, wo er sah, dass Verletzte sogar in den Fluren lagen – über 45 Verwundete.
Auf der Rückfahrt nach Teheran am Freitag, dem 19. Dey, erfuhr Kiarash, dass Nasim Pouraqaei, eine Freundin der Familie, die am Vorabend verletzt worden war, gestorben sei. Am Samstagmorgen erklärte er sich bereit, die Familie zur Beerdigung nach Behesht-e Zahra zu fahren.
„Gegen 10 Uhr sagten sie uns, dass Nasim gestorben sei. Alles brach zusammen. Als wir bei den Waschhallen ankamen, war es unglaublich voll. Menschenmassen. Man führte uns Richtung Ghasal-Khaneh. Nebenan sah ich zwei Hallen – die gab es früher nicht.“
„Es war etwa 13 Uhr. Ich ging näher an die Hallen heran und sah hinein. Zwei bis drei Schichten von Leichen, in schwarzen Reißverschluss-Säcken, übereinander gestapelt. Dann kamen Lastwagen, öffneten die Container und warfen die Leichen auf die anderen. Manche rollten herunter. Es gab Säcke mit sehr kleinen Körpern – später begriff ich, dass es Kinder waren.
Was ich sah, waren mindestens 1.500 bis 2.000 Leichen pro Halle. Insgesamt wohl 4.000 oder mehr – und es kamen immer weitere.“
Bereits zuvor waren Videos aus dem forensischen Zentrum Kahrizak veröffentlicht worden. Iran International hatte von mindestens 12.000 Getöteten allein in Teheran an zwei Tagen berichtet.
Nach Recherchen von IranWire handelt es sich bei den von Kiarash beschriebenen Hallen um zwei Gebäude links des Eingangs zu den Waschhallen, rund 300 Meter entfernt, was auch durch Satellitenbilder bestätigt wurde.
Kiarash berichtete zudem von zahlreichen Zivilbeamten, von lautstarken Parolen trauernder Familien und davon, dass jede Familie unter Druck stand, das Gelände schnell zu verlassen:
„Jede Familie bekam höchstens eine halbe Stunde Zeit für Gebet und Beerdigung. Überall riefen Menschen ›Ehre! Würde!‹ und beschimpften Khamenei. Mit jeder Leiche kam ein Beamter mit.“
Beim Weggehen blickte er erneut auf die Hallen:
„Die Menge war deutlich kleiner – die Hallen waren mehrfach geleert worden. Jedes Mal, wenn ich davon erzähle, zerreißt es mir das Herz. Menschen mussten Leichen anheben, um ihre Angehörigen zu finden. Eine Mutter schrie: ›Das ist mein Sohn, helft mir! Werft mein Kind nicht weg!‹“
Am selben Abend ging Kiarash trotz allem erneut auf die Straße, diesmal in Sa’adat-Abad:
„Es war dunkel. Plötzlich lief jemand im Tschador an uns vorbei, dann dieses Geräusch – tab-tab-tab. Drei Menschen fielen vor uns um. Blut überall. Wir versuchten, sie in Autos zu bringen.“
Er erinnert sich an den Namen eines der Opfer:
„Das Mädchen hieß Nazanin. Ihr Mann hielt sie im Arm, überall Blut. Er konnte es nicht glauben.“
Kiarash sagt, er habe das Gesicht des Schützen nicht gesehen:
„Sie schossen und verschwanden. Unter dem Tschador. Genau so.“
Während des gesamten Interviews betonte Kiarash immer wieder:
„Der Schmerz beim Erzählen ist nichts im Vergleich zu dem, was diese Menschen erlitten haben. Das ist ein Verbrechen, das erzählt werden muss. Diese Stimme muss überall gehört werden.“