Vom Niederbrennen von ‚Shahr-e No‘ bis zur Brandstiftung am ‚Basar von Rasht‘

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Moya Yarrahi

Seine Liebe hält mich fest...!

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Landesweite Proteste und Gewalt: Einschätzungen des Historikers Touraj Atabaki

Landesweite Proteste und die darauf folgende massive Repression setzen Gesellschaften häufig Zuständen von Instabilität aus: steigende Gewalt, Kriminalität, Machtmissbrauch und das Auftreten krimineller oder paramilitärischer Gruppen sind typische Begleiterscheinungen. Iran erlebt in den vergangenen zwei Wochen eine der größten Protestbewegungen seit der Revolution von 1979 – begleitet von einer der blutigsten Niederschlagungen in der jüngeren Geschichte des Landes.

Für diese Analyse wurde mit Touraj Atabaki, Professor für Sozialgeschichte an der Universität Leiden (Niederlande), gesprochen. Atabaki forscht zu Sozialgeschichte, Geschichte der Arbeiterbewegung, Geschichte der Unterschichten sowie zu Modernisierungsprozessen im Nahen Osten, im Kaukasus und in Zentralasien. In seiner Einordnung vergleicht er die aktuelle Situation im Iran mit der Revolution von 1979 sowie mit den Revolutionen in Frankreich und Russland und untersucht die Rolle der „Masse auf der Straße“.

Atabaki erklärt, dass revolutionäre Erhebungen mit dem Ziel eines grundlegenden politischen Systemwechsels meist von drei parallelen Prozessen begleitet werden:

erstens der Erosion staatlicher Autorität, zweitens einem temporären Machtvakuum und drittens der Moralisierung von Gewalt.

In solchen Phasen verlieren staatliche Institutionen schrittweise ihre Handlungsfähigkeit. Gesetze verlieren ihre Geltungskraft, weil sie nicht mehr als legitime Ordnung akzeptiert werden. Gleichzeitig wird Gewalt, die zuvor gesellschaftlich geächtet war, plötzlich als „historische Notwendigkeit“, „Vergeltung“ oder „revolutionäre Gerechtigkeit“ gerechtfertigt und moralisch aufgeladen.

Diese Prozesse seien, so Atabaki, klar in der iranischen Revolution von 1979 zu beobachten gewesen – ebenso wie zuvor in der Französischen Revolution und der Russischen Revolution von 1917. In solchen Situationen übernehmen Menschen selbst Gesetzgebung und Strafverfolgung, organisieren revolutionäre Tribunale und setzen das durch, was sie als „Gesetz der Revolution“ begreifen.

Gewalt, Denunziation und Machtmissbrauch

Atabaki erinnert daran, dass bereits vor dem 22. Februar 1979 (3. Esfand 1357) Einschüchterung, Denunziation und persönliche Rache unter revolutionären Vorzeichen verbreitet waren. Händler, die sich nicht an Streiks beteiligten, wurden bedroht, Arbeiter im Ölsektor unter Druck gesetzt, Gegner eingeschüchtert oder sogar ermordet.

Lokale Machtgruppen, später bekannt als „Revolutionskomitees“, agierten in enger Verbindung mit Moscheen und Geistlichen. Gewalt wurde dabei religiös legitimiert. Ein besonders drastisches Beispiel ist das Niederbrennen des Teheraner Viertels Shahr-e No, das im revolutionären Diskurs als Symbol „moralischer Verderbtheit“ dargestellt wurde. Die Zerstörung dieses Viertels war das Resultat einer vollständig moralisierten Gewalt.

Atabaki spricht in diesem Zusammenhang von einem „islamischen grünen Terror“, vergleichbar mit dem „roten Terror“ der Russischen Revolution. Gegner des neuen Systems – darunter Bahai, Anhänger des früheren Regimes und politische Abweichler – wurden identifiziert, vertrieben, enteignet oder angegriffen, oft ohne formale Urteile. Entscheidend war nicht das Recht, sondern derjenige, der sich als Vollstrecker der Revolution verstand.

Bewaffnete Gruppen und gezielte Zerstörung

Angesichts der heutigen wirtschaftlichen Krise, systemischer Korruption, Sanktionen sowie der Macht von Basij und Revolutionsgarden warnt Atabaki vor der Rolle bewaffneter Milizen. Diese seien geschult, Häuser und Geschäfte anzugreifen, Angst zu verbreiten und Eigentum zu zerstören.

Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal zwischen Protestierenden und regimetreuen Gewalttätern liege in der Zielwahl:

Während Demonstrierende staatliche Repressionsorgane angreifen könnten, sei die Zerstörung von Märkten – etwa der Brand des Basars von Rasht – kein Ausdruck sozialen Protests, da Protestierende selbst Teil dieser sozialen Struktur seien.

In solchen Situationen bilden Bürger häufig Selbstschutzstrukturen, organisieren Nachtwachen und versuchen, ihre Viertel vor Plünderung zu schützen. Ziel der Protestbewegung sei nicht die Zerstörung des gesellschaftlichen Lebens, sondern die Lähmung der Repressionsapparate.

Leichen, Einschüchterung und moralische Eskalation

Berichte, wonach Behörden für die Herausgabe von Leichen Geld oder Eigentumsurkunden verlangen und gleichzeitig Sicherheitsakten gegen Angehörige erstellen, bezeichnet Atabaki als gezielte Einschüchterungsstrategie. Solche Maßnahmen können die Spirale der Gewalt weiter antreiben, insbesondere wenn Gewalt zunehmend als legitimes Mittel angesehen wird.

Die Moralisierung von Gewalt, warnt er, kann langfristig die Grundlage der Ordnung zerstören, die nach einer Revolution entstehen soll. Auch nach 1979 sah sich selbst die Übergangsregierung gezwungen, Ajatollah Chomeini um ein Eingreifen zu bitten, um unkontrollierte Gewalt zu stoppen.

Repression, Gegenreaktion und internationale Parallelen

Derzeit, so Atabaki, dominiere im Iran eine massive militärische Repression. Kurzfristig könne diese Strategie der Regierung nutzen, langfristig jedoch zu einer Eskalation führen. Wenn Menschen systematisch Gewalt erfahren, könne daraus eine defensive oder bewaffnete Gegenreaktion entstehen.

Er verweist auf Syrien: Friedliche Proteste hätten dort ohne staatliche Gewalt möglicherweise zu Reformen geführt. Stattdessen wurde geschossen – unter maßgeblichem Einfluss iranischer Sicherheitsberater. Die Folge war ein Bürgerkrieg.

Gewaltfreiheit garantiere keinen Erfolg, betont Atabaki. Gandhis Strategie habe in Indien funktioniert, aber nicht zwangsläufig in anderen Kontexten. Entscheidend sei Führung, Organisation und strategische Klugheit.

Droht Iran ein Szenario wie Irak oder Libyen?

Vor Prognosen warnt Atabaki ausdrücklich. Iran sei nicht automatisch vor einem solchen Szenario geschützt. Selbst ohne klassische Revolution sei das politische System zunehmend unfähig, grundlegende Lebenskrisen – Wasser, Strom, Nahrung – zu bewältigen. Ein solcher Zustand könne langfristig in einen Kollaps münden.

Führungslose Aufstände bergen das Risiko sozialer Zersetzung. Historische Beispiele aus Asien und Afrika zeigten dies deutlich. Ein Übergang mit möglichst wenig Gewalt erfordere klare Führung, Struktur und Geduld. Revolutionen seien kein Ereignis von ein oder zwei Tagen, sondern langwierige Prozesse mit Rückschlägen.

Revolution, so Atabaki abschließend, brauche vor allem politische Umsicht, Organisation und Verantwortung.

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