Januar 2026: Als Gewalt zur Staatsidentität wurde

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Moya Yarrahi

Seine Liebe hält mich fest...!

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Die Geschichte der Islamischen Republik ist seit ihrer Gründung von Gewalt durchzogen. Doch die Ereignisse zwischen dem 8. und 10. Januar 2026 markieren mehr als eine weitere Wiederholung dieses Musters. Sie stellen einen qualitativen Wendepunkt dar – den Moment, in dem Gewalt nicht länger als Mittel zur Krisenbewältigung fungiert, sondern offen zur Essenz der Machtordnung selbst wird.

Die massenhafte und rücksichtslose Tötung von Menschen in diesen Tagen machte unmissverständlich klar: Gewalt ist für das System kein defensives Instrument mehr, sondern seine ontologische Grundlage. Die Staatsmacht hat ihre politischen Handlungsspielräume bewusst mit Blut verknüpft und signalisiert, dass ihr Fortbestand ausschließlich über Eskalation gesichert werden soll.

Der Januar 2026 hat gezeigt, dass die Islamische Republik nicht nur unfähig ist, ohne Repression zu existieren, sondern dass sie Gewalt nicht als letztes Mittel, sondern als einzig verbleibende Option zur Selbsterhaltung begreift.

Diese strategische Entscheidung hat die Logik von Politik im Iran faktisch aufgelöst und die Gesellschaft in einem erzwungenen Schwebezustand zwischen zwei Extremen gehalten: Revolution oder Krieg. Was sich ereignete, war keine spontane Sicherheitsreaktion, sondern die konsequente Umsetzung einer Doktrin, deren Ziel es ist, jede Form von Kompromiss unmöglich zu machen und die Gesellschaft zur Akzeptanz von Herrschaft „um jeden Preis“ zu zwingen.

Vom zivilen Protest zur existenziellen Bedrohung

Die Massentötungen im Januar 2026 waren nicht bloß eine Antwort auf Proteste. Sie waren eine bewusste Strategie zur Zerstörung von Protestfähigkeit – sowohl auf der Straße als auch im Denken.

Durch maximale Gewalt zielte der Staat direkt auf die rationale Kosten-Nutzen-Abwägung der Gesellschaft. Protest sollte nicht mehr als politischer Akt erscheinen, sondern als suizidale Handlung. In dieser Logik geht es nicht darum, Menschenmengen zu zerstreuen, sondern die politische Vorstellungskraft einer Gesellschaft dauerhaft lahmzulegen.

Die vollständige Abschaltung des Internets war der letzte Baustein dieser Strategie. Mit der Schaffung eines totalen Informationsvakuums versuchte die Macht, Vertrauen, Solidarität und kollektiven Willen zu zerstören und sie durch Angst, Isolation und individualisierte Wut zu ersetzen. Dies geschah vor dem Hintergrund einer Alltagspolitik, die das Leben breiter Bevölkerungsschichten längst an die Grenze des Unlebbaren gedrängt hat.

So entsteht das gewünschte Dilemma: Leben ist kaum möglich – Protest gilt als Todesurteil.

Gleichzeitig errichtete der Staat eine nationale Dunkelkammer, in der Realität enteignet und durch offizielle Narrative ersetzt werden sollte. Eine Bürokratie des Schreckens versuchte, Blut und Schmerz durch Begriffe wie „Sieg über die Unruhen“ umzudeuten und Gewalt als „notwendig“ darzustellen. Doch die millionenfache Präsenz von Menschen als Augenzeugen dieser Verbrechen ließ dieses Projekt fundamental scheitern.

Blutige Kohäsion und organisierte Abstreitbarkeit

Das Zentrum dieser Gewaltmaschine sind Akteure, die durch Blutvergießen in eine Schicksalsgemeinschaft mit der Macht gezwungen wurden. Wer Blut an den Händen trägt, versteht instinktiv: Im Fall eines Systemwechsels gibt es keinen Platz mehr in der Gesellschaft von morgen. Deshalb wird nicht mehr für Ideologie oder Führung geschossen, sondern aus Angst vor eigener Verantwortung.

Diese erzwungene Loyalität treibt die Repressionsapparate in eine Politik der verbrannten Erde. Der Konflikt zwischen „wir“ (Machtkern) und „sie“ (Gesellschaft) wird zu einem unversöhnlichen Krieg. Vergossenes Blut dient dabei als innerer Kitt, der bewaffnete Akteure emotional und existenziell vom Rest der Gesellschaft trennt.

Zugleich nutzt das System diese Kräfte zur Reinigung seiner eigenen Hände. Der gezielte Einsatz von Zivilkräften, Milizen und sogenannten „Unbekannten“ verwischt die Grenze zwischen Staat und Gesellschaft, um Repression als angeblichen „Bürger-gegen-Bürger-Konflikt“ erscheinen zu lassen.

Diese Strategie ist nicht neu. Die offene Aussage des IRGC-Kommandeurs Hossein Hamedani über den Einsatz von Tausenden „nicht vor Blut zurückschreckender Krimineller“ im Jahr 2009 entlarvte bereits damals eine institutionalisierte Praxis.

Diese halborganisierten Netzwerke erfüllen eine doppelte Funktion: Sie erzeugen maximale Einschüchterung durch unkontrollierte Brutalität und liefern zugleich das Rohmaterial für staatliche Lügen und Abstreitbarkeit. Ihre informelle Struktur erlaubt es dem Staat, Verantwortung abzustreifen, während sie faktisch das operative Rückgrat der Überlebensdoktrin bilden.

Zwischen erzwungener Stille und unvermeidlicher Explosion

In Abwesenheit von Legitimität erhebt der Staat Gewalt zur nationalen und religiösen Pflicht. Medien, Verwaltung, medizinische Einrichtungen und forensische Institutionen werden mobilisiert, um Blutvergießen zu rechtfertigen und die Trennung zwischen Staat und Gesellschaft zu zementieren.

Gewalt ist hier kein Ausrutscher, sondern ein institutionell produziertes Herrschaftsmittel, das jede politische Handlung zur existenziellen Sicherheitsbedrohung erklärt. Unter dem Vorwand des Ausnahmezustands wird Politik selbst abgeschafft.

Kurzfristig mag diese Strategie durch Angst Stabilität erzeugen. Langfristig jedoch sammelt sich unter der Oberfläche ein komprimiertes Protestpotenzial an. Die Abschaffung von Politik bedeutet, dass Abschreckung nur so lange funktioniert, wie das Ertragen des Status quo weniger kostet als sein Widerstand.

Wird diese Schwelle überschritten, kollabiert die Logik der Abschreckung – denn ein System, das Macht ausschließlich auf nackte Gewalt reduziert, lässt der Gesellschaft nur noch zwei Alternativen: Revolution oder Krieg.

Der Staat muss nun jeden Tag auf der Straße siegen, um zu überleben. Die Gesellschaft hingegen braucht nur einen einzigen finalen Moment, um diese Bürokratie des Schreckens zum Einsturz zu bringen.

Dass sich diese innere Krise nach außen verlagert, ist unausweichlich. Ein System, das mit seiner eigenen Bevölkerung im Kriegsmodus lebt, hat seine Stabilität bereits verloren.

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