Der heilige Krieg gegen das Volk – Wie religiöse Propaganda Gewalt legitimiert

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Moya Yarrahi

Seine Liebe hält mich fest...!

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Die Islamische Republik Iran begegnet gesellschaftlichem Widerstand seit jeher nicht allein mit Repression, sondern mit Bedeutung. Gewalt wird nicht nur ausgeübt, sondern erklärt, eingeordnet, geheiligt. Nach den jüngsten landesweiten Protesten und ihrer blutigen Niederschlagung zeigt sich dieses Muster erneut mit erschreckender Klarheit: Die staatliche Gewalt wird in eine religiöse Erzählung eingebettet, die das Töten legitimiert und den Machterhalt als göttliche Notwendigkeit darstellt.

Ein prägnantes Beispiel dafür liefern Aussagen prominenter Ideologen des Regimes. Wenn gefordert wird, so lange zu kämpfen und zu töten, bis „keine Fitna mehr existiert“ und die Religion allein Gott gehöre, dann ist das keine Randmeinung. Es ist Ausdruck einer religiös aufgeladenen Gewaltlogik, die seit Jahrzehnten Teil der offiziellen Ideologie ist. Einzelne Akteure mögen als extrem erscheinen, doch ihre Aussagen sind eingebettet in ein komplexes propagandistisches System, das Politik systematisch in Theologie überführt.

Nach massiven Protesten wird dieses System besonders aktiv. Der Staat steht dann nicht mehr als politischer Akteur unter Kritik, sondern als vermeintlicher Verteidiger des Göttlichen. Proteste werden zu Aufständen gegen Gott erklärt, Demonstrierende zu Werkzeugen fremder Mächte, Zweifel zu spiritueller Krankheit. Auf diese Weise verschwindet jede politische Verantwortung hinter einem metaphysischen Deutungsrahmen.

Zentrales Ziel dieser Propaganda ist nicht die Überzeugung der gesamten Gesellschaft, sondern die Stabilisierung des loyalen Kerns. Es geht darum, eine „Theologie der Gewalt“ zu etablieren, in der Repression nicht als Scheitern, sondern als Pflicht erscheint. Blutvergießen wird nicht geleugnet, sondern umgedeutet: als göttliche Prüfung, als notwendiges Opfer, als Vorbereitung auf eine höhere Ordnung.

Diese Strategie ist nicht neu. Seit vier Jahrzehnten bedient sich die Islamische Republik selektiver Lesarten der islamischen Frühgeschichte. Historische Ereignisse werden aus ihrem Kontext gelöst und in aktuelle politische Situationen projiziert. Niederlagen werden als spirituelle Bewährungsproben interpretiert, innere Kritik als Wiederkehr uralter Verräterfiguren. Geschichte wird nicht erforscht, sondern instrumentalisiert.

Besonders auffällig ist dabei die permanente Warnung vor Streiks, kollektiver Organisation und sozialer Mobilisierung. Diese gelten nicht als legitime politische Mittel, sondern als existentielle Bedrohung. In der offiziellen Erzählung sind sie Teil eines feindlichen Plans, der das Land destabilisieren und „syrisieren“ soll. Die Verantwortung für Gewalt wird dabei konsequent externalisiert: Nicht staatliche Sicherheitskräfte töten, sondern „das Volk verteidigt sich“.

Parallel dazu verschiebt sich der religiöse Diskurs selbst. Begriffe wie „Aufklärung“ oder „Erklärung“ reichen angeblich nicht mehr aus. Stattdessen wird eine neue Form des religiösen Kampfes propagiert, deren Ziel es sei, die Gesellschaft zu „reinigen“ und das „Reine vom Unreinen“ zu trennen. Gewalt erscheint hier nicht als tragisches Mittel, sondern als ordnender Akt.

Diese Denkweise wird durch weitere religiöse Stimmen ergänzt, die vergangene Kritik als Ursache heutiger Gewalt umdeuten. Wer früher Zweifel geäußert habe, habe symbolisch Pfeile abgeschossen, die nun das System träfen. In dieser Logik ist jede Kritik retrospektiv schuld am Blutvergießen. Schuld wird umgelenkt, Verantwortung verschoben.

Gleichzeitig wird das Land als permanent im Krieg befindlich dargestellt. Dieser Krieg sei nicht temporär, sondern existenziell. Widerstand koste weniger als Kapitulation, wirtschaftliche Not sei unvermeidlich, Leid der Preis einer göttlichen Mission. In diesem Weltbild verlieren menschliche Leben ihren Eigenwert und werden zu Variablen einer heilsgeschichtlichen Rechnung.

Die Sprache der Macht wird dabei zunehmend militarisiert und sakralisiert. Militärische Abschreckung wird als göttlicher Schutz beschrieben, Raketen als Instrumente heiliger Vergeltung. Die Grenze zwischen politischer Führung und religiöser Autorität löst sich auf. Entscheidungen erscheinen nicht mehr als menschlich fehlbar, sondern als Ausdruck göttlicher Weisheit.

Auffällig ist jedoch, was in all diesen Reden fehlt: jede Form von Selbstkritik. Moralische Appelle richten sich ausschließlich an die Gesellschaft. Geduld, Opferbereitschaft und Gehorsam werden eingefordert, während die Verantwortung der Herrschenden unangetastet bleibt. Religion dient nicht als Maßstab für Macht, sondern als Schutzschild gegen sie.

Durch die ständige Beschwörung apokalyptischer Szenarien wird jede politische Auseinandersetzung entmenschlicht. Protestierende sind keine Bürger mehr, sondern Feinde Gottes. Damit wird Gewalt nicht nur gerechtfertigt, sondern moralisch unangreifbar gemacht. Wer widerspricht, stellt sich nicht gegen den Staat, sondern gegen das Heilige.

Diese Strategie sichert kurzfristig Kontrolle, offenbart jedoch langfristig ihre eigene Schwäche. Je stärker Gewalt religiös aufgeladen wird, desto deutlicher zeigt sich die Angst der Macht vor gesellschaftlicher Autonomie. Der „heilige Krieg“ richtet sich nicht gegen äußere Feinde, sondern gegen eine Bevölkerung, die sich der Sakralisierung von Unterdrückung zunehmend entzieht.

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