Seine Liebe hält mich fest...!
Mahan Mardani, ein 23-jähriger Sportler, schrieb kurz bevor er auf die Straße ging:
„Selbst wenn nur einer von uns übrig bleibt, ist es seine Pflicht, Zeuge zu sein.“
Er ging hinaus, wurde von Kugeln getroffen und getötet.
Doch dieser eine Satz wurde – vielleicht unbeabsichtigt – zu einem Schlüssel, um eines der düstersten Projekte der Islamischen Republik zu verstehen: die Umwandlung des Sports in ein Instrument der Repression und die systematische Eliminierung von Körpern, die zu stark, zu sichtbar oder zu inspirierend waren.
Dieser Text ist der Versuch, zu erzählen, was dem Sport und den Sportler:innen im Iran widerfahren ist – nicht als Randnotiz der Politik, sondern als eines ihrer zentralen Schlachtfelder.
Nach zusammengetragenen Informationen wurden bislang mindestens 82 getötete Sportler:innen identifiziert.
Darunter:
28 Amateursportler
47 Sportler:innen auf Provinz- und Landesebene
7 nationale Meister:innen
Mehr als die Hälfte von ihnen war in Kampf- und Kraftsportarten aktiv: Ringen, Boxen, Taekwondo, Karate, Kickboxen, Powerlifting oder Bodybuilding.
Die Mehrheit dieser Getöteten waren zudem lokal bekannte Persönlichkeiten – Menschen mit Einfluss, Vorbildfunktion und sozialer Sichtbarkeit.
Diese Verteilung ist kein Zufall.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache.
Bevor man Zahlen analysiert, muss man innehalten und den Körper des Sportlers betrachten.
Ein trainierter, disziplinierter, widerstandsfähiger Körper.
Ein Körper, geformt durch Jahre des Trainings, des Scheiterns und des Wiederaufstehens.
Ein Körper, dessen Botschaft einfach, aber gefährlich ist: Veränderung ist möglich. Stärke ist erlernbar. Grenzen sind überwindbar.
Der Körper des Sportlers ist nicht nur ein physisches Objekt.
Er ist ein soziales Symbol – für Hoffnung, Möglichkeit, Autonomie und Zukunft.
Genau hier beginnt das Problem.
Denn wenn Bilder getöteter Sportler:innen veröffentlicht werden, entsteht ein brutaler Widerspruch:
Körper, die für Leben und Stärke standen, werden durch wenige Kugeln zu Leichen gemacht.
Das ist kein bloßes Töten.
Das ist eine Botschaft.
Anthropologische Forschung zu staatlicher Gewalt zeigt:
Gewalt – insbesondere in autoritären Systemen – dient nicht nur der Unterdrückung, sondern der Erziehung.
Die Ermordung von Sportler:innen vermittelt eine klare Lehre:
Wenn ein starker, beliebter und bekannter Körper ausgelöscht werden kann – was bleibt dann für die anonymen, ausgezehrten Körper der Namenlosen?
In diesem Sinne ist die Tötung von Sportler:innen eine Form des symbolischen Terrors:
Die Zerstörung von Hoffnungsträgern, um der Gesellschaft einzuschärfen, dass kein Horizont sicher ist.
Die Gewalt gegen Sportler:innen beginnt nicht erst auf der Straße.
Sie beginnt Jahre zuvor – mit Kontrolle, Drohung, Einschränkung und systematischer Einschüchterung.
Mit Verboten politischer Äußerung, mit Sicherheitsüberwachung in Verbänden, mit Vorladungen, Festnahmen und warnenden Botschaften.
Sportler:innen wird gesagt:
Seid „unpolitisch“.
Doch in diesem System bedeutet „unpolitisch“ nichts anderes als bedingungslose Loyalität und Schweigen.
In den vergangenen drei Jahrzehnten wurde die Führung des iranischen Sports schrittweise von militärischen und sicherheitsnahen Akteuren übernommen.
Sportverbände sind längst keine autonomen Fachinstitutionen mehr.
Sie sind Werkzeuge der sozialen Kontrolle, Meinungslenkung und Disziplinierung einflussreicher Persönlichkeiten.
Manipulierte Wahlen, ehemalige Kommandanten an der Spitze von Verbänden und informelle Überwachungsnetzwerke zeigen:
Die Logik der „inneren Sicherheit“ wurde vollständig auf den Sport übertragen.
Der Sport ist kein freier Raum mehr.
Er ist Teil des Kontrollapparats.
Betrachtet man die Gesellschaft als Zusammenspiel verschiedener „Felder“, war der Sport einst ein Feld, dessen Kapital aus Leistung, Erfolg und Popularität bestand.
Doch mit dem Eindringen der Sicherheitsapparate änderten sich die Spielregeln.
Legitimes Kapital ist nicht länger sportliche Exzellenz –
sondern Loyalität, Gehorsam und Schweigen.
In einem solchen Feld wird der unabhängige Sportler mit starker Körperlichkeit und gesellschaftlicher Reichweite zur unerträglichen Bedrohung.
Er muss gebrochen oder eliminiert werden.
Die Repression endet nicht mit dem Tod.
Bedingte Herausgabe der Leiche, Verbot öffentlicher Trauer, erzwungene Beerdigungen fern des Wohnortes – all das ist Teil derselben Gewalt.
Auch der tote Körper muss kontrolliert werden,
damit er nicht zum Symbol, zum Sammelpunkt oder zum Auslöser von Widerstand wird.
Die Ermordung von Sportler:innen im Iran ist kein Einzelfall, kein Ausrutscher, keine Überreaktion.
Sie ist das Ergebnis eines langfristigen sicherheitspolitischen Projekts:
der Kontrolle des Körpers, der Zerstörung von Symbolen und der Verwaltung von Angst.
Mahan Mardani ist gegangen.
Doch seine Worte bleiben.
Zeugnis abzulegen ist heute nicht nur eine moralische Pflicht –
es ist eine Form des Widerstands.