Iraner und der Holocaust – aus dem Inneren der Archive

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Moya Yarrahi

Seine Liebe hält mich fest...!

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Historikerinnen und Historiker rekonstruieren Vergangenheit meist auf Grundlage von Dokumenten, die in Archiven überdauert haben. Doch Archive erzählen nie die ganze Geschichte. Zwischen Listen, Registrierkarten und amtlichen Formularen klaffen Lücken – menschliche Lücken. Genau dort beginnt die eigentliche historische Arbeit: Fragen stellen, Spuren verbinden, das Unsichtbare zwischen den Zeilen sichtbar machen.

Für diesen Beitrag wurden zentrale Holocaust-Archive ausgewertet: offizielle Dokumente, Namenslisten, Registrierungsunterlagen sowie Akten von Personen, die während des Zweiten Weltkriegs oder unmittelbar danach in Deutschland oder in von Deutschland besetzten Gebieten lebten. Ausgangspunkt war eine scheinbar einfache Frage: Auf welche Weise gerieten iranische Staatsbürger in die Maschinerie des Holocaust? Wer waren jene Iraner, die in Konzentrationslagern, Gefängnissen, Zwangsarbeitsstrukturen oder Displaced-Persons-Lagern auftauchten?

Archive als Gedächtnisräume

Die wichtigste Quelle dieser Recherche war das Arolsen Archiv im hessischen Bad Arolsen, zugänglich unter anderem über das United States Holocaust Memorial Museum. Die Institution – früher als Internationaler Suchdienst bekannt – öffnete ihre Bestände 2007 umfassend für die Forschung.

Das Archiv umfasst über 200 Millionen digitale Dokumente zu Millionen NS-Opfern: Menschen, die verhaftet, deportiert, ermordet, zur Zwangsarbeit verschleppt oder aus ihren Heimatorten vertrieben wurden und nach Kriegsende nicht zurückkehren konnten. Unter diesen Opfern finden sich mindestens 44 Personen mit iranischer Staatsangehörigkeit.

Ihre Hintergründe waren vielfältig:

Studierende, die vor oder während des Krieges nach Europa gekommen waren.

Arbeiter in deutschen Industriebetrieben – vielfach Zwangsarbeiter.

Politisch Verfolgte, Inhaftierte, KZ-Häftlinge.

Die meisten waren keine Juden. Sie stammten aus unterschiedlichen religiösen und ethnischen Gemeinschaften: Muslime, Christen, Armenier, Aserbaidschaner, Bahai. Von vielen blieb kaum mehr als ein Name in Verwaltungslisten, Krankenhausakten oder Flüchtlingsregistern der Nachkriegszeit.

Agha Hassan – ein Leben zwischen Frontlinien

Eine der eindrücklichsten Biografien ist die von Agha Hassan, geboren 1916 in der aserbaidschanisch geprägten Stadt Khoy im Nordwesten Irans. Dort arbeitete er als Schriftsetzer.

1941, nach der Besetzung Irans durch britische und sowjetische Truppen, fiel seine Heimatregion unter sowjetische Kontrolle. Die Besatzungsmacht forderte Arbeitskräfte – Hassan wurde deportiert. Gemeinsam mit etwa 200 weiteren Männern wurde er zur Zwangsarbeit in einen Hafen auf der Krim gezwungen.

Seine Lage verschärfte sich dramatisch, als die Krim 1942 nach monatelangen Kämpfen von der Wehrmacht erobert wurde. Hassan geriet in deutsche Gefangenschaft und wurde in das Konzentrationslager Majdanek deportiert.

Dort erlebte er Massenmord, Zwangsarbeit und Lagertransporte durch besetzte Gebiete Polens, Deutschlands und Österreichs. Mehrfach wurde er weiterverlegt. Erst im April 1945 gelang ihm während eines Luftangriffs die Flucht. Über die italienische Grenze erreichte er ein britisch kontrolliertes Displaced-Persons-Lager in Udine.

Später lebte er in Rom, schlug sich auf dem Schwarzmarkt durch, heiratete eine Italienerin und bekam eine Tochter. In einem Antrag bei der International Refugee Organization bat er um Umsiedlung in die Türkei – eine Rückkehr in den Iran lehnte er offenbar ab. Ob seinem Antrag stattgegeben wurde, bleibt unklar.

Zwangsarbeit als gemeinsamer Nenner

Ein weiteres dokumentiertes Schicksal ist das von Tomaj Mohammad. Seine Zeugenaussage findet sich in Unterlagen der Flüchtlingshilfe:

Er verließ 1920 mit seinen Eltern den Iran, lebte in Polen und arbeitete in der Landwirtschaft. 1942 wurde er von den deutschen Behörden zur Zwangsarbeit verpflichtet und arbeitete bis Kriegsende für einen Bauern. Danach kam er in ein UN-Flüchtlingslager, später lebte er als Wachmann in Deutschland.

Aus Angst vor Abschiebung gab er sich in Dokumenten als Türke aus und änderte seinen Geburtsort – ein Beispiel dafür, wie Identität in Extremsituationen zur Überlebensstrategie wird.

In einem Lager in Österreich wurden 1945 insgesamt elf iranische Displaced Persons registriert.

Unternehmen und Zwangsarbeit

Viele Archivdokumente verweisen auf Firmen, die Zwangsarbeiter einsetzten – darunter Unternehmen, die bis heute existieren, etwa Siemens oder DEMAG.

Ein iranisch-armenischer Mann aus Täbris, Hartoun Aghabekian, taucht in Unterlagen der Organisation Todt auf, der NS-Bau- und Ingenieurbehörde. Seine Präsenz dort deutet mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Zwangsarbeit hin, auch wenn sein Weg nach Deutschland im Dunkeln bleibt.

Politische Verfolgung iranischer Staatsbürger

Nicht alle Fälle sind arbeitsbezogen. Einige Iraner gerieten wegen politischer Positionen ins Visier des Regimes.

Amir Farrokh Garanmayeh, in Berlin geboren, Sohn eines iranischen Diplomaten, wuchs zwischen Iran und Deutschland auf. Die Nationalsozialisten versuchten, prominente Iraner für Propagandazwecke zu gewinnen – etwa für persischsprachige Rundfunkprogramme.

Garanmayeh verweigerte die Zusammenarbeit. 1944 wurde er in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Sein Fall steht exemplarisch für ein kaum erforschtes Phänomen: iranische Staatsbürger, die wegen politischer Ablehnung des NS-Regimes verfolgt wurden.

Politische Gefangene und Widerstand

Auch Masoud Mirizdanian, ein Hotelbesitzer in Paris, wurde als politischer Gefangener nach Buchenwald und später Mittelbau-Dora deportiert. Er starb im März 1945 in Nordhausen – nur Wochen vor der Befreiung durch US-Truppen.

Sein Schicksal verweist darauf, dass einige Iraner in sozialistischen, kommunistischen oder antifaschistischen Netzwerken aktiv waren – Strukturen, die vom NS-Staat brutal zerschlagen wurden.

Spionage, Geheimdienste und Grauzonen

Andere Biografien bewegen sich im Schattenbereich von Geheimdiensttätigkeit.

Ein Mann namens Iram Mohammad wurde 1943 in Berlin wegen Spionageverdachts verhaftet. Dokumente beschreiben ihn als Polizeioffizier, bewaffnet, mit Tätowierung. Er wurde in mehreren Gefängnissen inhaftiert, überlebte den Krieg, starb jedoch 1945 in der Schweiz.

Seine Identität wirft Fragen auf, da sein Name einem bekannten iranischen Polizeichef ähnelt – ob es sich um dieselbe Person oder einen Verwandten handelt, bleibt ungeklärt.

Der rätselhafte Fall Afshar

Besonders schwer zu verifizieren ist die Geschichte von Abolfazl Afshar. Jahre nach dem Krieg versuchte er, Entschädigung zu erhalten. Er behauptete, als Spion für die Schweiz gearbeitet zu haben und von der Gestapo verhaftet worden zu sein.

Er erwähnte auch einen Auftrag zur Informationsbeschaffung über einen iranisch-jüdischen Mann in Paris, der später nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde.

Doch deutsche Behörden fanden keine Belege für Afshars Verhaftung. Parallel tauchten Akten über einen anderen Iraner mit ähnlichem Namen auf, der tatsächlich ausgewiesen worden war. Ob Verwechslung, Täuschung oder verlorene Dokumente vorliegen, bleibt offen.

Historische Verflechtungen

Diese Einzelschicksale machen deutlich: Der Holocaust – die systematische Ermordung von sechs Millionen Juden durch das NS-Regime und seine Helfer – hatte Auswirkungen weit über Europa hinaus.

Iranische Staatsbürger wurden betroffen durch:

  • Zwangsarbeitssysteme

  • politische Verfolgung

  • Kriegsgefangenschaft

  • Flucht und Vertreibung

  • Geheimdienstaktivitäten

  • Zufällige Kriegsverstrickungen

Viele Geschichten sind fragmentarisch, manche widersprüchlich, andere nahezu ausgelöscht.

Warum diese Geschichten zählen

Archive wirken auf den ersten Blick wie kalte Speicher aus Papier und Tinte. Doch in ihren Beständen liegen menschliche Dramen: Migration, Überleben, Widerstand, Liebe, Verlust.

Die Erforschung iranischer Biografien im Kontext des Holocaust erweitert nicht nur das historische Bild – sie zeigt, wie global verflochten diese Katastrophe war. Sie verbindet nationale Geschichten miteinander und schafft neue Wege historischer Bildung.

Je mehr dieser vergessenen Lebenswege rekonstruiert werden, desto klarer wird: Der Holocaust war kein isoliertes europäisches Ereignis, sondern ein welthistorisches Trauma, dessen Wellen selbst Länder erreichten, die geografisch fern lagen.

Und genau dort, in diesen Randzonen der Geschichte, beginnen oft die aufschlussreichsten Fragen.

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