Seine Liebe hält mich fest...!
Wenn Gesellschaften unter Druck geraten, verändern selbst Trauerrituale ihre Funktion. Sie werden zu politischen Räumen, zu kollektiven Gedächtnisorten – und manchmal zu offenen Bühnen des Protests. Genau das lässt sich derzeit in Iran beobachten: Die sogenannten Chehelom-Zeremonien, die traditionellen Gedenkveranstaltungen vierzig Tage nach einem Todesfall, entwickeln sich zu landesweiten Manifestationen von Erinnerung und Widerstand.
Nach Berichten aus verschiedenen Städten fanden entsprechende Gedenkfeiern für die Todesopfer der Januar-Proteste in mindestens fünfzehn Städten statt. Darunter Homayounshahr, Nourabad Mamasani, Mobarakeh (Isfahan), Karaj, Babol, Najafabad, Städte in der Provinz Gilan, Langarud, Qazvin, Neyshabur, Mahallat, Shahinshahr, Yazdanshahr, Meshkindasht (Alborz) sowie Chaf. Parallel dazu wurden Festnahmen aus Semnan und Kerman gemeldet – ein Hinweis darauf, dass staatliche Reaktionen die Trauerprozessionen eng begleiten.
Am ersten Freitag des Monats Esfand versammelten sich in Homayounshahr zahlreiche Menschen zum vierzigsten Gedenken an Hesam Shomali. Die Zeremonie wurde von gemeinschaftlichem Gesang begleitet, unter anderem mit der Zeile:
„Wenn wir unser Leben gaben, wenn wir unsere Jugend gaben – dann war der Preis Menschlichkeit für Freiheit.“
Die Mutter des Getöteten sprach öffentlich und sagte:
„Möge Gott seine Mörder entlarven.“
Aus der Trauerfeier entwickelte sich ein Protestzug mit mehreren tausend Teilnehmenden. Parolen gegen die politische Führung wurden gerufen, ebenso historische und monarchistische Slogans – ein bemerkenswerter ideologischer Spannungsbogen, der zeigt, wie heterogen die Protestbewegung ist.
Ähnliche Szenen spielten sich in Nourabad Mamasani ab, wo große Menschenmengen zusammenkamen und ebenfalls politische Parolen skandierten. In Yazdanshahr riefen Teilnehmende offen nach einer politischen Rückkehr der Pahlavi-Dynastie – ein Symbolruf, unabhängig davon, wie realistisch oder konsensfähig ein solches Szenario ist.
Viele dieser Zeremonien sind eng an persönliche Lebensgeschichten gebunden.
In Karaj gedachte man der 17-jährigen Ghazal Demarchili, die während der Proteste getötet wurde. In Babol versammelten sich Menschen zum Gedenken an den 20-jährigen Erfan Azarde, der durch vier Schüsse starb. Parolen beschrieben ihn als „Blume, die für das Vaterland gefallen ist“ – eine poetische, zugleich politisierte Sprache des Märtyrergedenkens.
In Mobarakeh wurde des getöteten Mehdi Fakhari gedacht. Während der Zeremonie erklangen Trommeln, Protestparolen und sogar Geburtstagsrufe – eine Mischung aus Trauer, Trotz und symbolischer Wiederaneignung des Lebens.
Auch in Langarud wurde eines lokalen Opfers gedacht: Abbas Arezou, ein Fußballtrainer, der nach Berichten erst angeschossen und später durch Schläge starb. Die Versammlung wurde von patriotischer Musik begleitet – Klang als emotionaler Katalysator kollektiver Erinnerung.
Besonders eindrücklich sind die nächtlichen Versammlungen auf Friedhöfen.
In Najafabad zeigen Aufnahmen große Menschenmengen, die zwischen Gräbern Kerzen entzünden, Lieder abspielen und Parolen rufen. Friedhöfe werden so zu politischen Räumen – Orte, an denen Erinnerung und Anklage verschmelzen.
In Qazvin gedachten Familien und Unterstützer sowohl der jungen Nazanin-Zahra Esmikhani als auch des 16-jährigen Mehdi Keshavarz. Traditionelle Rituale wie das Zuckerschlagen am Grab verbanden sich mit politischen Schwüren, „bis zum Ende standhaft zu bleiben“.
Selbst Straßensperren konnten Menschen nicht abhalten: In Neyshabur passierten Teilnehmende Kontrollpunkte, um an der Zeremonie für Bahar Shahmehri teilzunehmen.
Parallel zu den Gedenkveranstaltungen wurden Festnahmen gemeldet.
In Semnan wurde ein Mann von Zivilbeamten gewaltsam verhaftet, nachdem er in einem Video regimekritische Parolen gerufen hatte. Berichten zufolge wurden persönliche Gegenstände beschlagnahmt.
In Kerman wurde die 29-jährige Psychotherapeutin Fatemeh (Sara) Mirjafari an ihrem Arbeitsplatz festgenommen. Nach etwa einer Woche Verhör kam sie in Haft. Wochen später hatten Angehörige noch immer keine verlässlichen Informationen über ihren Zustand.
Ein weiteres Video zeigt eine Schulzeremonie: Schülerinnen und Schüler ehrten den getöteten Sadrā Soltani. Sein Vater, selbst Lehrer, brach beim Anblick der Bilder seines Sohnes in Tränen aus – ein Moment, der die private Dimension dieser nationalen Krise sichtbar macht.
Das Vierzig-Tage-Gedenken hat im schiitisch geprägten Iran eine tiefe religiöse und kulturelle Bedeutung. Historisch dient es der kollektiven Verarbeitung von Verlust – prominent etwa im Gedenken an Imam Hussein.
Wenn solche Rituale politisiert werden, entsteht eine besondere Dynamik:
Trauer verleiht moralische Legitimität.
Erinnerung schafft Gemeinschaft.
Zeremonien werden zu Versammlungen.
Der Staat steht damit vor einem strukturellen Dilemma: Religiöse Rituale zu unterdrücken, untergräbt eigene kulturelle Narrative – sie zuzulassen, öffnet Protest-Räume.
Die beobachteten Parolen reichen von systemkritisch bis monarchistisch, von reformorientiert bis radikal. Ideologisch ist die Bewegung nicht homogen. Doch emotional gibt es eine verbindende Achse: Verlust, Wut, Erinnerung.
Die Namen der Getöteten werden zu Symbolen.
Friedhöfe zu Versammlungsorten.
Trauerlieder zu Protesthymnen.
Geschichte zeigt immer wieder: Wenn staatliche Gewalt auf kollektive Trauer trifft, entstehen Gedächtnisbewegungen. Sie sind schwer zu kontrollieren, weil sie nicht nur politisch, sondern existenziell motiviert sind.
Das Vierzig-Tage-Ritual wird so zu etwas Größerem als einer religiösen Tradition – zu einem sozialen Resonanzraum, in dem sich die Frage verdichtet, wie eine Gesellschaft mit ihren Toten umgeht… und welche Zukunft sie aus deren Erinnerung ableitet.