Seine Liebe hält mich fest...!
Seit vierzig Tagen tanzen Iranerinnen und Iraner. Sie tanzen nicht aus Freude, sondern aus Schmerz. Sie tanzen bei Beerdigungen, bei Gedenkfeiern und an den Zeremonien des vierzigsten Tages nach dem Tod ihrer Angehörigen. Für Außenstehende mag dieses Bild widersprüchlich wirken – Tanz im Angesicht der Trauer. Doch in der iranischen Kultur ist der „Tanz der Klage“ kein Fremdkörper. Kurden tanzen seit Jahrhunderten den Trauertanz „Chamari“, Luren tanzen „Choobi“, arabische Gemeinschaften führen die „Yazleh“ auf, und Turkmenen begleiten ihre Klage mit der zweisaitigen Dutar. Bewegung war hier nie ein Widerspruch zum Schmerz, sondern seine kollektive Ausdrucksform.
Am vierzigsten Tag nach den Tötungen während der landesweiten Proteste im Dey-Monat 1404 – insbesondere der Opfer vom 18. und 19. Dey – erhielt diese Tradition eine neue, politische Dimension. Was sich in Städten und Dörfern im ganzen Iran abspielte, war mehr als ein Trauerritual. Es war eine kollektive Performance, in der Trauer zu Protest wurde. Hinterbliebene tanzten, sangen, klatschten und riefen Parolen – nicht nur, um zu erinnern, sondern um die „Fortsetzung des Weges“ der Getöteten sichtbar zu machen.
Zahlreiche veröffentlichte Bilder zeigen, wie sich Gedenkfeiern in Szenen des Tanzes verwandelten – Eltern, die mit gebrochenem Herzen, aber aufrecht, im Rhythmus klatschen; Mütter und Väter, die vor Schmerz zusammenbrechen, während die Menge den Takt hält. In anderen Städten kam es zu kollektiven Gesängen mit Hunderten, teils Tausenden Teilnehmenden. In Orten wie Mamasani oder Bushehr begleiteten Daf-Trommeln und andere Perkussionsinstrumente die Versammlungen. Die Grenze zwischen Trauerfeier und Protestkundgebung begann zu verschwimmen.
Beliebte Lieder der Getöteten oder aktuelle Protestsongs wurden gemeinsam gesungen. Musik übernahm dabei eine doppelte Funktion: Sie war Trost – und zugleich ein akustisches Zeichen des Widerstands. Tanz und Gesang wurden zum Symbol dafür, dass der Kampf trotz Verlust weitergeht.
Der vierzigste Tag, traditionell ein religiös geprägtes Gedenkritual, wandelte sich in vielen Fällen zu einer offenen politischen Bühne. Parolen wie „Tod dem Diktator“ oder „Für jeden Getöteten stehen tausend auf“ wurden oft nach dem offiziellen Teil der Zeremonien angestimmt – in dem Moment, in dem die emotionale Verdichtung ihren Höhepunkt erreichte. Die eigentliche Kraft dieser Performances lag weniger in der Bewegung als in der kollektiven Stimme: rhythmisch, synchron, politisch eindeutig.
In manchen Städten waren auch Symbole und Parolen zur Unterstützung von Reza Pahlavi zu sehen und zu hören. Slogans wie „Das ist nicht die letzte Schlacht – Pahlavi kehrt zurück“ hallten durch die Versammlungen. Daneben tauchten historische Embleme wie der Löwe-und-Sonne-Symbolismus auf, getragen von Trauernden, die Erinnerung und politische Forderung miteinander verbanden.
Zu den eindrücklichsten Bildern dieser Tage gehörte die symbolische Verbindung von Trauer und Lebensritualen. Familien brachten Hochzeitskleider oder Anzüge zu den Gräbern junger Menschen, die nie heiraten konnten. Sie verteilten Süßigkeiten, schnitten Geburtstagskuchen, feierten symbolisch jene Lebensmomente, die ihren Kindern verwehrt blieben.
Diese Handlungen waren weit mehr als private Gesten. Sie stellten das Leben demonstrativ dem Tod gegenüber – und richteten sich zugleich gegen jene Machtstrukturen, die für den Verlust verantwortlich gemacht wurden. In einigen Fällen wurden die Orte, an denen Menschen getötet worden waren, mit Blumen geschmückt. Angehörige hielten Reden, benannten Verantwortliche und bezeichneten ihre Verstorbenen ausdrücklich als Protestierende.
Was sich in diesen Zeremonien zeigte, war nicht nur kollektiver Schmerz, sondern eine Neuinterpretation von Trauer selbst. Eine Trauer, die nicht verstummt, sondern sich in Bewegung, Klang und politischer Artikulation ausdrückt. Der vierzigste Tag wurde nicht zum Abschluss des Gedenkens, sondern zu dessen Transformation – zu einem öffentlichen Akt des Widerspruchs.
Eine Gesellschaft, die über Jahre hinweg unterschiedliche Formen des Protests erprobt hat, griff hier auf ihre tief verwurzelten kulturellen Ausdrucksformen zurück – und formte daraus eine neue Sprache des Widerstands. Der Tanz der Trauer ist damit kein Paradox, sondern Ausdruck einer historischen Konstante: Selbst im dunkelsten Moment sucht sich das kollektive Gedächtnis einen Weg, Erinnerung in Bewegung zu halten – und aus Verlust Bedeutung zu schaffen.