Der Versuch, Universitäten zum Schweigen zu bringen – Drohungen mit Online-Lehre und steigende Campus-Verbote

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Moya Yarrahi

Seine Liebe hält mich fest...!

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In den vergangenen Tagen haben sich Irans Universitäten erneut in Räume des Protests verwandelt. Was sich am Mittwoch, dem 6. Esfand 1404, abspielte, war nicht nur eine Fortsetzung studentischer Demonstrationen — es war Ausdruck eines tiefen gesellschaftlichen Konflikts, der längst über die Campusgrenzen hinausreicht.

Zum fünften aufeinanderfolgenden Tag erhoben Studierende in zahlreichen Städten ihre Stimmen gegen staatliche Repression, Gewalt und systematische Unterdrückung. Unabhängige studentische Quellen bestätigten Proteste an mindestens 63 Universitäten im ganzen Land. Parallel dazu entfalteten staatliche und universitäre Behörden ein breites Arsenal an Einschüchterungsmaßnahmen.

Ein besonders bewegender Moment der Proteste war das öffentliche Verlesen der Namen getöteter Studierender. An der Kunstuniversität Teheran erinnerten Studierende mit Plakaten, Bildern und Slogans an die Opfer der vergangenen Protestmonate. Namen wie Amirali Zarei wurden laut ausgesprochen — nicht als Statistik, sondern als Menschen, deren Leben gewaltsam beendet wurde.

Die Versammlungen waren geprägt von symbolischen Gesten und politischen Parolen. Transparente mit „Frau, Leben, Freiheit“, „Freiheit für politische Gefangene“ oder offenen Systemkritiken prägten das Bild. Auch historische Symbole wie die Löwe-und-Sonne-Flagge wurden von Studierenden gezeigt — als Zeichen politischer Identität und Widerstands.

Sicherheitskräfte reagierten mit verstärkter Präsenz. Augenzeugen berichteten von strengen Zugangskontrollen, stationierten Basij-Einheiten und massiv eingeschränkter Bewegungsfreiheit auf dem Campus. In einigen Fällen wurden Studierende durch zivile Einsatzkräfte festgenommen — mehrere von ihnen kamen erst Stunden später wieder frei.

Protestformen variierten: Von lauten Kundgebungen bis hin zu stillen Sitzstreiks. An der Beheshti-Universität wandelte sich ein Schweigeprotest schließlich in gemeinsames Singen politischer Lieder. Berichte deuten darauf hin, dass Sicherheitskräfte angewiesen waren, direkte körperliche Gewalt zu vermeiden — stattdessen setzte man auf Einschüchterung, Drohkulissen und psychologischen Druck.

Auch außerhalb Teherans hielten die Proteste an. In Mashhad, Shiraz, Karaj und weiteren Städten kam es zu Demonstrationen, Sitzstreiks und Versammlungen. Teilweise wurden Universitäten kurzfristig geschlossen oder Zugänge blockiert, um Mobilisierung zu verhindern.

Parallel zu den Protesten verschärfte sich der institutionelle Druck massiv. Hunderte Studierende erhielten Campus-Verbote oder Vorladungen zu Disziplinarausschüssen. Allein an der Universität Teheran sollen innerhalb weniger Tage rund 180 Studierende vom Hochschulgelände ausgeschlossen worden sein.

Offizielle Stellen diskutieren inzwischen offen, Lehrveranstaltungen wieder vollständig zu virtualisieren — nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern zur politischen Kontrolle der Lage. Konservative Parlamentsvertreter bezeichneten eine „polarisierte Universitätsatmosphäre“ als Gefahr für nationale Interessen und plädierten für Online-Unterricht.

Noch schärfer fiel der Ton der Justiz aus. Vertreter der Justiz drohten mit direktem Eingreifen in Universitätsangelegenheiten, sollte die Situation nicht „kontrolliert“ werden. Diese Wortwahl markiert eine Eskalationsstufe: Universitäten werden nicht mehr als autonome Bildungsräume betrachtet, sondern als sicherheitspolitische Zonen.

Gleichzeitig berichten Studierende von zunehmender Überwachung, Identitätskontrollen an Campustoren und der Präsenz ziviler Sicherheitskräfte, die sich als Studierende ausgeben sollen.

Was sich derzeit an Irans Universitäten abspielt, ist mehr als eine Serie lokaler Proteste. Es ist ein Konflikt um Deutungshoheit, Erinnerung und politische Zukunft. Universitäten sind traditionell Orte kritischen Denkens — und genau deshalb geraten sie in autoritären Systemen immer wieder unter Druck.

Wenn Bildungseinrichtungen zu sicherheitsüberwachten Räumen werden, stellt sich nicht nur die Frage nach akademischer Freiheit — sondern nach der Zukunft einer ganzen Generation, deren Stimmen gehört werden wollen.

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